Digitale Kindheit: Kind-sein heute und früher

Erwachsene erliegen zuweilen der Vorstellung, Kinder würden vor ihren Bildschirmen vereinsamen und würden sich arm kaufen an der Technik. Ist dem so?

Erwachsene erliegen zuweilen der Vorstellung, Kinder würden vor ihren Bildschirmen vereinsamen und würden sich arm kaufen an der Technik. Ist dem so? (Quelle: „20111105-student2-2“ von Devon Christopher Adams , Lizenz: CC BY 2.0)

Beobachtet man die heutige digitale Kindheit, kommt man nicht umhin, sich zu fragen: war die frühere nicht-technische Kindheit besser?

So war Kind-sein in den 80ern

Als Kind der 80er, das auch noch in den neuen Bundesländern aufgewachsen ist, war meine Kindheit sehr untechnisch. Wir hatten Fernseher und Kühlschrank, unser Telefon kam jedoch erst Anfang der 90er Jahre. Überlebt haben wir trotzdem. Etwa zur selben Zeit bekam ich mein erstes Radio – ein heißes Gerät: Doppelkassettendeck und UKW, natürlich in Pink. Meine Oma war so modern, mich regelmäßig mit neuem Hörstoff auf Tape zu versorgen; immer traf sie meinen Geschmack. Meiner Mutter wollte das nicht so recht gelingen. Wollte ich mich mit Freunden verabreden, ging ich bei ihnen vorbei und klingelte. Klar, ich hätte mit Beginn unseres heimischen Telefonzeitalters auch anrufen können, aber ich war es nun mal so gewohnt.

Die Arcade Halle war der Hotspot in den 1980.

Die Arcade Halle war der Hotspot in den 1980. (Quelle: „„Game On“ at Pacific Science Center“ von InSapphoWeTrust, Lizenz: CC BY-SA 2.0)

Als ich 16 Jahre alt war, kaufte ich mir mein erstes Handy. Ein Mitsubishi Trium Astral, das im selben Jahr gerade frisch von der CeBIT kam. Mit einem Display, das sagenhafte 90 x 64 Bildpunkte auflöste. Meine Mutter war dagegen. Aber ich war 16! Dennoch klingelte ich weiterhin an den Haustüren meiner Freunde, um mich zu verabreden, oder ging am Nachmittag einfach dahin, wo sie sich eh alle trafen. Mein pinkes Radio mit Doppelkassettendeck war in der Zwischenzeit gegen eine Anlage mit Wechsel-CD-Player ausgetauscht worden, unterwegs ließ ich mich von der Musik aus dem Discman berieseln. Und auch ein Computer zog bei uns ein.

Damals das beliebteste Spiel - Pacman.

Damals das beliebteste Spiel – Pacman. (Quelle: „Screenshot aus »PAC-MAN™ Championship Edition DX«“ von Tetra09, Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Mit dem Jahrtausendwechsel ging dann alles ganz schnell: ich stieg um auf digitale Musik, nutzte Smartphone und Tablet, sobald die Preise leistbar waren, mein Rechner war öfter ein- als ausgeschaltet, er bekam Zuwachs in Form von Note- und Netbook und ich begeisterte mich immer mehr für technische Spielereien und Raffinessen. Die analoge Spiegelreflexkamera war einer digitalen gewichen, soziale Netzwerke ergänzten Face-to-Face-Kontakte und sogar meine Mutter, die sich einst vehement gegen das Trium aussprach, besitzt mittlerweile ein Smartphone, wenngleich ihr mobiles Internet noch immer suspekt ist.

Digitale Kindheit heute

Die Jugend von heute realisiert ihre Umgebung nicht mehr.

Die Jugend von heute realisiert ihre Umgebung nicht mehr. (Screenshot: „#ZEITGEIST | Trailer & Filmclip [HD]“ von vipmagazin)

Ob meine Kindheit nun für die 80er Jahre repräsentativ ist oder nicht: heute ist Kindheit wesentlich digitaler. Ich bin hineingewachsen, heutige Kinder werden hineingeboren. Hinein in eine digitale Welt, in der es absolut normal geworden ist, Stars auf YouTube und Freunde auf Facebook zu treffen – jederzeit und überall, dem Smartphone oder Tablet sei Dank.

Aus damaligen Brettspielen sind heute PC- oder Konsolen-Games geworden, aus dem Klingeln an der Haustüre der Freunde das Klingeln der nächsten WhatsApp-Message. Haben wir im EDV-Unterricht, den es erst in der 8. oder gar 9. Klasse gab, noch mit Binärzahlen und DOS rumgedoktert, weil die Lehrer selbst keine Ahnung hatten, was sie uns an diesen Computer-Dingern beibringen sollen, lernen Kids heute – wenn’s gut läuft – in Schulen das Programmieren.

Gratwanderung Digitalisierung

Wir Kinder der 80er sind heute erwachsen und können nur staunen, wie schon Kleinkinder Gestensteuerung verinnerlicht haben und was uns größere Kinder noch so alles erklären können. Wer sich nicht informiert, bleibt wissenstechnisch auf der Strecke und versteht nur Bahnhof, wenn sich der Sprössling zu Weihnachten ein 4K-IPS-LCD-Display wünscht. Erwachsene erliegen zuweilen der Vorstellung, Kinder würden vor ihren Bildschirmen vereinsamen und würden sich arm kaufen an der Technik. Ist dem so?

Technik ist aber mehr als Ballerspiele – weit mehr! Technik erleichtert den Alltag, und auch den von Kindern.

Technik ist aber mehr als Ballerspiele – weit mehr! Technik erleichtert den Alltag, und auch den von Kindern. (Quelle: „young generation“ von Mario Spann , Lizenz: CC BY 2.0)

Der DIVSI U9-Studie (PDF) zufolge nehmen sich Kinder die Erwachsenen sehr zum Vorbild: gehen die Eltern souverän mit Technik um, kann davon ausgegangen werden, dass Kinder einen ebenso souveränen Umgang pflegen. Die Studie zeigt weiter die Abhängigkeit von digitaler Souveränität zum Bildungsgrad: je gebildeter die Familie, umso eher wird Technik zur Wissensvermittlung genutzt, je niedriger der formale Bildungsstand, umso häufiger dient Technik dem bloßen Zeitvertreib und findet eher destruktiven Einsatz.

Für die Studie wurden 1.832 Eltern zum Gerätebesitz ihrer 3- bis 8-jährigen Sprösslinge befragt: 24 % besitzen eine Spielkonsole, 22 % einen Fernseher, 15 % ein Handy, 7 % ein Smartphone, 5 % einen Computer oder Laptop und 1 % ein eigenes Tablet. Klingt doch recht vernünftig, wenn man bedenkt, dass Kinder in die Digitalisierung hineingeboren werden.

Technik ist mehr als Ballerspiele

Kinder spielen nicht nur Ballerspiele sondern informieren sich auch über den PC.

Kinder spielen nicht nur Ballerspiele sondern informieren sich auch über den PC. (Quelle: „pixabay“ von cherylt23, Lizenz: CC0 1.0)

Argumente von Erwachsenen, die die gute alte untechnische Kindheit wieder herbeisehnen, stützen sich häufig auf Behauptungen wie: „Die spielen ja nur noch Ballerspiele!“ oder „Das sind ja schon Smartphone-Zombies, die vereinsamen doch.“ Technik ist aber mehr als Ballerspiele – weit mehr! Technik ist, nicht zuletzt dank der Maker, zum Erlebnis geworden. Technik erleichtert den Alltag, und auch den von Kindern. Haben wir noch in dicken Enzyklopädien wühlen müssen, um Wissen zu erlangen, surft man heute mal eben – mobil oder stationär, wie es einem beliebt.

Erwachsene mit erhobenem Zeigefinger werden nicht müde, auf den „Jugendschutz“ hinzuweisen. Währenddessen stehen die Sprösslinge schulterzuckend da, verstehen die ganze Aufregung gar nicht und wenden sich wieder neugierig ihrem Smartphone oder Tablet zu. Klar: YouTube und Co. zeigen auch Inhalte, die einfach nicht kindgerecht sind.

Ist es aber deshalb fair, Technik für Kinder grundsätzlich zu verteufeln? Oder kanalisiert sich hier nicht ein bisschen die Unwissenheit der Eltern?

Kindheit ist heute einfach nur anders!

In den 80er Jahren habe ich mir sehnlichst ein eigenes Radio gewünscht. Ich bekam es erst in den 90er Jahren. Kinder von heute schmunzeln sicherlich über die Wünsche von damals – ein Radio ist nun wirklich selbstverständlich. Vor einigen Jahren unterhielt ich mich mal mit dem Sohn einer Freundin. Er staunte Bauklötzer (früher solche aus Holz, später dann Tetris-Bauklötzer), als ich erklärte, dass man sich in den 80ern auf dem Schulhof verabredet oder einfach bei den Freunden geklingelt hat. Irritiert fragte der damals 8-jährige Junge: „Warum hast du die denn nicht angerufen?“ Ich weiß nicht, ob er meine Antwort, wir hätten damals kein Telefon gehabt, heute schon verarbeitet hat. In dem Gespräch blieb er jedenfalls irritiert und hakte nach: „Auch kein Handy?“

Schon die Kleinsten sitzen viele Stunden vor dem Fernsehen.

Schon die Kleinsten sitzen viele Stunden vor dem Fernsehen. (Quelle: „pixabay“ von mojzagrebinfo, Lizenez: CC0 1.0)

Kinder agieren oftmals intuitiv und neugierig. Es kann keine Lösung sein, sie von Technik abzuschotten, es kann aber auch keine sein, sie mit Technik vollzupacken und sie damit allein zu lassen. Ein Wearable, um des Filius‘ ersten Schritt auf dem Smartphone zu tracken, mag heute übertrieben erscheinen, vielleicht ist dieses Szenario aber das Fotoalbum von morgen. Wenn dem so sein sollte, ist das okay. Weil Technik nicht starr ist. Sie verändert sich selbst und sie verändert Gesellschaften.

Probleme entstehen erst dann, wenn wir Mücken zu Elefanten werden lassen oder uns selbst unzureichend mit Themen unserer Zeit beschäftigen. Wenn dein Kind irgendwann zu dir kommt und dir von Quantenverschlüsselung auf Supercomputern erzählt, dann höre zu, lerne und entdecke mit genau der Neugier das Kind-sein in dieser Zeit, wie es hoffentlich deine Eltern in deiner Kindheit getan haben.

Ich hätte gerne schon in den 80er Jahren viel von dem besessen, was Kindern heute zur Verfügung steht. Andererseits bin ich heute extrem genervt davon, dass ich mich bei Face-to-Face-Gesprächen in Konkurrenz zum Smartphone befinde, das vor dem Gesicht meines Gegenübers pappt. Nicht bei jeder Unterhaltung ist das so, aber es kommt vor und dann bin ich genervt. Es gab sie in meiner Kindheit, es gibt sie in heutigen Kindheiten und es wird sie immer geben: Dinge, die Kinder lieben und die Eltern oder andere Erwachsene nicht mehr oder noch nicht verstehen. Das ist gut so. Davon leben Generationen.

Welche Techniken haben eigentlich deine Kindheit geprägt? Gibt es technische Errungenschaften, die du als Kind gerne gehabt hättest? Und was nervt dich an der digitalisierten Kindheit von heute so richtig?

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