Künstliche Intelligenz: die Vermenschlichung des Computers

Die Künstliche Intelligenz im Film „Ex Machina“ wirkt fast schon menschlich. (Quelle: „Ex Machina Movie Review“ von BagoGames, Lizenz: CC BY 2.0)

Sind wir schon bereit für echte Künstliche Intelligenz? Oder beginnen wir, kopflos Computer zu vermenschlichen? Ein Status Quo-Bericht zeigt, wo wir stehen.

Intelligenz ist kein Algorithmus

Intelligenz: mit diesem Begriff koppeln wir Eigenschaften wie das Ich-Bewusstsein, das Bewusstsein überhaupt, aber auch den freien Willen. So richtig greif- und fassbar sind diese Begriffe nicht; wir verwenden sie, weil wir selbst eine Vorstellung von ihnen haben, weil wir sie tagtäglich an und mit uns selbst erfahren. Erfahren – genau das ist es letztlich: Emotionen sowie unser Bewusstsein lassen sich nicht berechnen, sie lassen sich nur erfahren.

Im Spektrum der Künstlichen Intelligenz hat die Forschung in den vergangenen Jahren erstaunliche Ergebnisse hervorgebracht. Diese Ergebnisse jedoch beweisen keine übermenschliche Intelligenz, sondern sie resultieren aus immer schneller werdenden Rechenvorgängen und immer umfangreicheren Datenschätzen. Intelligente Menschen sorgen dafür, dass Maschinen unsere Intelligenz imitieren, sodass sie auf ihrem Fachgebiet immer besser werden. Damit werden sie allerdings nicht etwa besser als der Mensch, der die Maschinen geschaffen hat. Sie werden nur besser als das menschliche Grundrepertoire. Sie werden zu menschlichen Werkzeugen, ähnlich wie die Bohrmaschine: mit ihr ist es einfacher, ein Loch in die Wand zu bekommen, als mit bloßen Händen.

Unser Alltag ist voll mit KI-Systemen: Facebooks Newsfeed lernt, welche Inhalte du sehen möchtest, Online-Shops merken sich deine letzten Suchen und liefern passende Shopping-Ergebnisse und auch die Suchanfragen, die du in die Suchmaschine deines Vertrauens eingibst, gelangen in die Datenmaschinerie lernender Software. Intelligenz ist zwar kein Algorithmus, aber Algorithmen können Intelligenz schaffen – jedoch ohne menschliche Eigenschaften wie Bewusstsein oder freiem Willen. Informationsverarbeitende Systeme ziehen auf Basis dieser Algorithmen aus blanken Rohdaten Informationen und Schlussfolgerungen – ohne dass ein menschlicher Programmierer Vorgaben liefern müsste.

Irrationale Ängste im Bereich der Künstlichen Intelligenz

Künstliche Intelligenz ruft teils rationale, teils jedoch komplett irrationale Ängste hervor. Vielleicht liegt die Begründung dieser Ängste darin, dass wir Menschen dazu neigen, alles mögliche und unmögliche zu vermenschlichen? Liegt es daran, dass wir so menschlich sind, dass wir Beziehungen sehr zügig aufbauen? Wenn du ein Haustier hast, kennst du es sicherlich: es guckt süß, bekommt ein Leckerli, weil wir Menschen uns gerne kümmern, aber fünf Minuten später hat das Tier diese Situation längst wieder vergessen. Fürs Tier war dieser eine Augenblick nicht so bedeutend wie für den dazugehörigen Menschen.

Nun stell dir vor, dein Hausroboter bringt dir lächelnd dein Abendessen, erklärt dir, dein Lieblingsgericht gekocht zu haben, was du nach einem harten Arbeitstag sehr gerne annimmst. Sofort haben wir Menschen angenehme Emotionen dem Ding gegenüber und bauen eine Beziehung zu ihm auf. Denke nur an deine Gespräche mit Cortana oder Siri: du vertraust darauf, dass sie deine Fragen sicher beantworten werden, du verlässt dich darauf. Diese Quasi-Personen – oder personifizierte Maschinen, wie auch immer du es nennen möchtest – wissen so ziemlich alles, sie geben immer Antwort und bleiben dabei freundlich.

Es hat schon seinen Grund, warum Roboter „Pepper“ binnen einer Minute 1.000 Mal verkauft wurde. Wir vermenschlichen – mal mehr, mal weniger bewusst – und gehen so mit Robotern um, als seien sie menschlich. Genau darauf ausgelegt, werden sie ja auch programmiert. Hersteller Künstlicher Intelligenzen, etwa Microsoft und Apple, um bei Cortana und Siri zu bleiben, legen es genau darauf an. Sie wollen keinen wiedersprechenden, frechen Dialog, sondern sie wollen erreichen, dass wir Menschen uns zu ihren nicht-menschlichen Datenverarbeitungsmaschinen hingezogen fühlen. Wir machen mit und sprechen gerne mit den Big Data-Anwendungen.

Kritik an KI als Übermensch

In unseren Köpfen gehen wir sogar noch einen Schritt weiter, wir vermenschlichen nicht nur, sondern wir sehen in der Künstlichen Intelligenz eine Art Übermensch. Jaron Lanier nutzte eine Veröffentlichung auf edge.org, um auf diese fast schon religiösen Züge hinzuweisen. Lanier ist überzeugt, dass viele einen Endzeitzustand im Kopf tragen, in der Maschinen als eine Art Göttlichkeit übernehmen und wir armen, gefühlsverirrten Menschen endlich erlöst werden. Er vergleicht heutige Zeiten mit früheren, in denen Menschen einer Gottheit folgen wollten, eigentlich jedoch der Elite unterlagen – als Beispiel: Gläubige setzten all ihre menschlichen Ressourcen ein, um Kathedralen zu schaffen, um einem Gott zu huldigen. Gewinner des Baus waren jedoch Eliten wie Priester.

Heute gäbe es Parallelen, meint Lanier, nur dass die Eliten in Form riesiger Konzerne erscheinen. Google, Apple, Microsoft und Co.: sie seien die neuen Eliten. Lanier nennt Google Translate als Beispiel: mit der Begründung, es würde tausenden von Menschen nutzen, lässt Google Anwender selbst die Übersetzungen vornehmen. Wem nützt es eigentlich? Google, dem dahinterstehenden Konzern, denn der benötigt nun weder finanzielle noch personelle Ressourcen für die Übersetzungsjobs. Die Freiwilligen erledigen diesen Job mehr als zufriedenstellend.

Hören wir auf, Mythen auf Künstliche Intelligenz zu projizieren

Die Ängste vor der Künstlichen Intelligenz, der große Mythos hinter der KI, besteht also darin, dass wir Computer vermenschlichen. Wir schreiben der KI selbst menschliche Eigenschaften zu und entwickeln daraus irrationale Ängste. Jedoch basieren menschliche Eigenschaften auf Erfahrungen realer Dinge. Künstliche Intelligenz ist nicht gefährlich oder bedrohlich – sie ist lediglich ein Werkzeug, ähnlich wie die Bohrmaschine.

Erfolge im Bereich der Künstlichen Intelligenz haben wir nicht der fortschreitenden Intelligenz von Maschinen zuzuschreiben, sondern schlicht und ergreifend einer immens höheren Rechenleistung. Natürlich können wir nicht ausschließen, dass Künstliche Intelligenz die Menschheit nicht doch irgendwann auslöscht – schließlich haben wir auch die Atombombe geschaffen, trotz dem Wissen um die Gefahren dieser alles bedrohenden Waffe.

Terminator

Der T-800 trägt zur Welteroberung der Maschinen bei. (Quelle: „Terminator Exhibition: T-800“ von Dick Thomas Johnson, Lizenz: CC BY 2.0)

Wenn die Maschinen jedoch irgendwann einmal die Macht übernehmen sollten, wird das noch nicht morgen geschehen – es wird noch Generationen dauern, bis es soweit kommt, wenn es jemals soweit kommt. Wir sollten uns weniger über Maschinen sorgen – schließlich sind es Menschen, die gegen Menschen kämpfen, nicht die Maschinen. Hinter der KI stecken menschliche Weltbilder und Wertevorstellungen, die sich derzeit noch formen und etablieren. Wir müssen lernen, zwischen Selbstbewusstsein und Intelligenz zu unterscheiden; zwischen mit Algorithmen gefütterten Maschinen und dem Ich-Bewusstsein des Menschen.

Der Mensch ist das Wesen, das Technik nutzt – und Künstliche Intelligenz ist Technik. Sind wir schon bereit für diese Technik?

Ja, wenn wir uns davon verabschieden, KI mit dem Mythos des Übermenschen zu belegen und sie als Werkzeug anerkennen. Was denkst du?


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