Technik-Trends zum Anhören: Der “intelligente Ball”

von detektor.fm

Jeder von Euch kennt sie, die Fußball-Sprechchöre wie “Schiri, wir wissen wo dein Auto steht …” Durch die neusten Technologien zur unantastbaren Spielentscheidung, könnten diese aber bald Schnee von gestern sein. Heute geht es wieder um die Technik, die im Fußball steckt. Vergangene Woche haben wir zum Beispiel erklärt, wie man mit Daten und Computern die Schwächen der Gegner finden kann. Heute beschäftigen wir uns mit der großen Streitfrage: Sollen technische Hilfsmittel für sportliche Entscheidungen genutzt werden oder nicht?

Fußball im Stadion.

Marcus Engert hat sich angeschaut, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse im Fußball stecken:

Podcast: Der “intelligente Ball” & Technik im Stadion

Interview zum Mitlesen:

Sepp Herrberger hat mal gesagt: “Der Ball ist rund.” Sehr viel mehr muss man ja eigentlich nicht sagen. Oder doch?
Engert: Da könnte ich jetzt schon das erste Mal widersprechen: so richtig stimmt das gar nicht. So ein Fußball ist ja eigentlich zusammengenäht, aus diesen schwarzen und weißen Einzelteilen: 32 Stück sind das ingesamt. Zwanzig Sechsecke und zwölf Fünfecke. Und damit wird das eben keine Kugel, sondern kriegt nach dem Aufpumpen eine Form, der der Kugel zwar ähnlich ist, aber keine ist. Die Mathematiker sagen, das ist ein “abgestumpfter Ikosaeder”, muss man sich nicht merken. Dieser Idealform könnte man sich natürlich immer weiter annähern, wenn man viele und kleinere Teile nutzen würde. Aber das muss dann ja irgendwann auch zusammennähen

Unser Interviewpartner Marcus Engert

Unser Interviewpartner Marcus Engert

Nun habe ich dieses Jahr schon ein paar Spiele geschaut: Der Ball hat diese schwarzen eckigen Flecken gar nicht – und der bei der letzten WM hatte die auch nicht oder !?
Das stimmt. Der Ball dieses Jahr, “Jabulani” heißt der, gehört zu einer Gruppe von Hightech-Bällen. Das ging los 2006 mit der WM, da hieß der Ball “+Teamgeist”. Und “Jabulani”, mit dem auch jetzt gespielt wird, wurde für die WM 2010 in Südafrika entwickelt. Diese Bälle entstehen nicht mehr aus diesen zusammengenähten Fünf- oder Sechsecken, sondern da werden speziell geformte Teile miteinander verschweißt. Beim aktuellen Ball ist das so, dass sich die Oberfläche aus nur vier Bausteinen zusammensetzt: die sind dreidimensional geformten und werden eben nicht mehr genäht, sondern verschweißt. Das Resultat: diese modernen Bälle weichen nur um 0,1 Prozent von einer idealen Kugelform ab

Das klingt beeindruckend. Was sagen denn die Spieler dazu?
Für die Spieler lässt sich das Ding wohl ganz gut handlen, wenn das so ideal geformt ist. Aber die Torhüter, die haben so ihre Sorgen damit. Die haben “Jabulani” schon heftig kritisiert, den “+Teamgeist” damals übrigens auch schon. Die können nämlich nur noch sehr schwer die exakte Flugbahn des Balls vorhersehen. So ein Fußball fliegt ja, wenn er einmal abgestoßen ist, nicht so ganz gerade, sondern hat dann eine unregelmäßige Flugbahn. Flattern nennt man das. Die älteren Bälle haben bei rund 50 km/h angefangen, zu flattern – die neuen jetzt flattern erst bei ca. 80 km/h, und das haben die Torwarte natürlich anders gelernt. Außerdem soll Jabulani viel schneller sein und stärker springen. Timo Hildebrand hat gesagt: „Wenn du den voll aufs Tor kriegst, kannst du nur noch beten.“

Vielleicht ist das ganze ja aber auch nur eine willkommene Ausrede, ein Alibi – wenn der Torwart einen Fehler macht, dann wars eben der neue Ball?!
Ja, so genau weiß mans nicht. Aber “Fehler machen” ist eine Spitzen-Überleitung zum zweiten Thema: Da geht’s jetzt nicht mehr um die Spieler, sondern um die Schiris. Da hab ich uns mal etwas mitgebracht zum reinhören. Christoph, erkennst du das hier? 

“Achtung. Achtung! Eiiii! Nicht im Tor, kein Tor! Oder doch? Jetzt: was entscheidet der Linienrichter?… Tor!”

Wembley, 1966!
Absolut richtig! Und ich habe noch ein zweites Hörbeispiel mitgebracht:

“Milner… Defoe… that’s a lovely touch. LAMPAAAAARD! Did it! There! That surely crossed the line! It’s not been given!!! Surely that was in! (…) Oh, it´s in. It´s so far in! Was it FIFA dot one? Technology! Thanks very much Sepp Blatter. (…) 1966 in Reverse, isn’t it? It´s payback for the germans.”

Ein fantastischer Fußball-Moment aus meiner Sicht war das: vor zwei Jahren bei der WM 2010 in Südafrika. Das nicht gegebene Tor von Frank Lampard.
Genau so ist es. In beiden Fällen fragen wir: Ball im Tor? Gegeben oder eben auch nicht gegeben? Der Ball war nicht hinter der Linie, im anderen war er es. Und der Schiri, der kann das mitunter eben nicht so genau, was da gerade der Fall ist. Und da gibt es ja seit Jahren die Diskussion, ob man sich da vielleicht nicht endlich mal der Technik bedienen sollte.

Tor oder kein Tor?

Tor oder kein Tor? Hier ist es eindeutig.

Der eine englische Kommentator sagte das ja eben auch. “Was lernen wir daraus? Technologie muss her. Danke Sepp Blatter”, sowas in der Art zumindest. Der FIFA-Boss wollte ja den Chip im Ball nicht so richtig haben. Aber jetzt testet man wohl, wenn ichs richtig weiß, oder was ist da der aktuelle Stand?
Es ist richtig, man testet im Moment zwei Systeme. Einmal den Chip im Ball. Da ist also ein Mikrochip im Ball, und wenn der Ball die Torlinie ganz überschritt hat, geht ein Funksignal an die Uhr des Schiris. Die vibriert dann und zeigt auf dem Display sofort “Tor” an, weiß man also sofort bescheid. Das ist ein deutsches System, “GoalRef” heißt das und wurde vom Fraunhofer Institut in Erlangen entwickelt. Das zweite, was die FIFA jetzt testet, ist das was Sepp Blatter gern haben möchte: das ist die Torkamera.

Also eine Kamera, die das Tor filmt?
Mehrere Kameras sind es, und die verfolgen den Ball. Das geht auch in anderen Sportarten. Man kann damit sehr schnell rauskriegen: War das jetzt im Aus? Ist das ein Tor? Da sind das also Hochgeschwindigkeits-Kameras, die den Ball verfolgen. Im Prinzip wird da der genaue Standort des Balls trianguliert: also man misst den heraus aus Winkel, Entfernung zu diesen Kameras usw. Im Anschluss kann man das, als 3D-Animation zum Beispiel, den Zuschauern im Stadion auf einer Leinwand anzeigen. Und genau da befürchten nicht wenige Schiedsrichter, dass sowas in heiklen Situationen im Stadion für Tumulte sorgen könnte.

Und genau das hat uns auch interessiert. Wie sieht man diese ganze Technik-Debatte aus Schiedsrichter-Perspektive?
Und da haben wir uns gedacht: fragen wir mal jemanden, der sich mit SICHERHEIT schon mehrfach darüber Gedanken gemacht hat. Hans-Joachim Osmers, ehemaliger Bundesliga-Schiedsrichter, der durch das sogenannte “Phantomtor” berühmt wurde.

1994 war das, von Thomas Helmers beim FC Bayern gegen Nürnberg. Der Ball war neben dem Tor, aber weil der Linienrichter auf Tor zeigte, musste Hans-Joachim Osmers das Tor geben.




Hans-Joachim Osmers

Das Phantomtor und die Technik – Aus der Sicht eines berühmten Unparteiischen

Hans-Joachim Osmers wurde als Schiedsrichter durch ein “Phantomtor” berühmt. Er musste während eines Bundesligaspiels 1994 ein Tor geben, das sein Linienrichter-Kollege fälschlicherweise als im statt neben dem Tor angezeigt hatte.

Damals hatte Thomas Helmer (FC Bayern München) einen Treffer gegen den 1. FC Nürnberg “gelandet”.

Das sagte Hans-Joachim Osmers im Gespräch mit Christoph Dziedo:

Podcast: Das sagt Hans-Joachim Osmers (Schiedsrichter) dazu



Herr Osmers, aus Ihrer Erfahrung: jetzt wird diskutiert über den Chip im Ball, der anzeigt, ob der Ball tatsächlich hinter der Torlinie ist oder nicht. Wäre das für Sie eine Erleichterung gewesen?
Osmers: Ja, auf alle Fälle. Aufgrund des Vorfalls im Spiel Bayern gegen Nürnberg wäre das damals schon für mich eine große Hilfe gewesen und ich bin ein ganz großer Befürworter dieser neuen Technik.

Was spricht vor allem für Sie dafür?
Ja, das ist ja eine klare Entscheidung, ob der Ball nun im Tor war oder nicht. Es gab ja danach immer wieder Situationen, ob der Ball im oder nicht im Tor war. Und was für mich aber dabei ganz entscheidend ist, dass es sich auch nur auf diese Situation beziehen darf und sollte. Also nicht noch ausweiten: ob nun Eckstoß oder Abstoß – sondern ausschließlich auf die Entscheidung “Tor” oder “nicht Tor”.

Es gibt eine weitere Variante, die diskutiert wird. Das ist die Tor-Kamera, die dann strittige Szenen auch auf der Anzeigetafel möglicherweise anzeigt. Wie stehen Sie dazu?
Total ablehnend. Weil diese Torkamera, ob die immer genau das richtige Blickfeld hat und genau die Situation beurteilen kann, hab ich große Zweifel und wenn solch eine Szene auf die Videowände übertragen wird, dann kann das natürlich erhebliche Emotionen wecken bei den Zuschauern.
Und deswegen lehne ich diese Technik ab.

Sie haben sich jetzt teilweise für technische Hilfsmittel ausgesprochen, also konkret für den Chip im Ball. Nun gibt es ja grundsätzlich bei dieser Diskussion, die ja – man möchte sagen – schon fast jahrzehntealt ist, immer auch die sogenannten Fußball-Romantiker, die sagen: “Um Gottes Willen! Nicht diese technischen Hilfsmittel. Es geht hier alles kaputt, der Fußball lebt von Emotionen und auch von Fehlentscheidungen.” Wie sehen Sie das denn?
Da ist natürlich auch etwas dran. Es gibt da mit Sicherheit zwei Lager: Es gibt Befürworter und es gibt auch Gegner. Und das geht durch alle Sportfreunde. Es geht auch durch die aktiven Fußballer. Es geht auch durch die Trainergilde. Sie sehen ja auch, dass selbst dort noch nicht mal eine Einigkeit besteht unter den Schiedsrichtern. Aber es gibt auf alle Fälle zwei große Lager, auch bei den Aktiven und auch bei den Trainern.

Und welchem rechnen Sie sich zu?
Ich rechne mich den Befürwortern zu, dass ich sage: auf alle Fälle Chip im Ball, weil uns das – was die Gerechtigkeit angeht, ob der Ball nun im Tor war, ja oder nein, am nächsten kommt.

Nochmal zum Anschauen: Phantomtore

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Schlagwörter: Fehlentscheidungen, Fußball, Phantomtor, Technik

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